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Artikel Altländer Tageblatt 22.02.2012

 

Orgel feiert ihre Wiederauferstehung

 

 

Orgelbauer Martin Hillebrand hat 1000 Pfeifen vor dem Bleifraß gerettet - Gottesdienst zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten

 

BORSTEL. Die Orgel der St.-Nikolai-Kirche in Borstel ist gerettet und feiert am Sonntag, 26. Februar, ihre "Wiederauferstehung": Bleifraß hatte das bedeutende Instrument befallen, 1021 Pfeifen mussten restauriert werden. Die ältesten stammen aus dem 16. Jahrhundert. Pastorin Anika Röling ist froh, dass in ihrer Kirche bei Gottesdiensten und Konzerten wieder himmlische Engelsmusik in voller Klangfülle ertönen kann: "Die Zeit der Restaurierung - ohne große Orgel - war irgendwie fleischlos."
Viele Borsteler hätten ihre Orgel noch mehr schätzen gelernt. "Sie ist aus Gottesdiensten nicht wegzudenken", sagt die Pastorin. Auch deshalb lädt die Kirchengemeinde St. Nikolai für Sonntag, 26. Februar, 17 Uhr, zum "Orgel ist fertig"-Gottesdienst ein - eine musikalische und literarische Zeitreise durch 500 Jahre Orgelgeschichte. Das sei auch ein Dankeschön an die vielen Unterstützer, betont Kirchenvorstandsvorsitzende Karen Jäger. 50 000 Euro kostete die Sanierung, Landeskirche und Europäische Union ("Leader") sicherten die Finanzierung.
Im März 2011 war der Bleifraß bei den Reinigungsarbeiten entdeckt worden. Dieser hat sich in vielen Kirchen zur Plage entwickelt - und ist eine Folge von feucht-wärmerem Klima und von energetischen Maßnahmen. Durch Temperaturschwankungen in der Kirche kommt es zu Feuchtigkeitsniederschlag. Dadurch bildet sich Bleikarbonat, und das Zerstörungswerk nimmt seinen Lauf. Bei dem Korrosionsvorgang bilden sich hellgraue und weiße Krusten von Bleikarbonat und Schwefelblei. Es entstehen Löcher in den Bleipfeifen, die Pfeifen zerbröseln. Dadurch kann Luft entweichen, die Orgel klingt nicht mehr ganz richtig.
Lediglich die mit einer Zinnfolie überzogenen Prospektpfeifen an der Frontseite blieben in Borstel verschont. Orgelbauer Martin Hillebrand hat die Pfeifen in seiner Werkstatt bei Hannover restauriert - und in den letzten Monaten wieder eingebaut. Einige Teile stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert, das belegt eine Rechnung des Buxtehuder Orgelbauers Matthes Mahn von 1584.
Weihnachten 2011 erklang die Orgel erstmals wieder. Ende der Woche stehen Restarbeiten an, letzte Pfeifen werden eingebaut. Übrigens: Das Intonieren der Orgel dauerte mehrere Tage, betont Organistin Susanne Wegener. Sie hat auch das Musikprogramm für Sonntag zusammengestellt.
Für die Altländer des 17. und 18. Jahrhunderts waren die Klänge ihrer Orgel "gleichbedeutend mit himmlischer Engelsmusik". Doch nicht immer erklang geistliche Musik auf den Instrumenten. Das rief die Obrigkeit auf den Plan. "Diese sprach von Eselsgeplärr und warnte vor Fleischeslust und sinnlicher Verführung", berichtet Wegener. Sie wird an der Orgel den Bogen mit "Wir glauben all an einen Gott" von Balthasar Resianarius (1485 bis 1544) bis Scott Joplin (1968 bis 1917) mit "The Entertainer" spannen. Dazwischen gibt es Wissenswertes zur Orgelgeschichte.
Pastorin Röling hofft, dass nach der Orgelrestaurierung - in baulicher Hinsicht - Ruhe in die spätgotische Kirche mit barocker Innenausstattung einkehrt. Seit 2007 bestimmten Restauratoren und Bauarbeiter das kirchliche Leben: Erst zerbröselte das Mauerwerk, dann befiel der Gescheckte Nagekäfer den Dachstuhl der 600 Jahre alten Kirche. "In einigen Jahren" sollen das Gemeindehaus und der 40 Meter hohe Glockenturm (Holzverschalung) von 1695 saniert werden. (bv)