A A A
Startseite Hollern-Twielenfleth Lühekirchen Jork Borstel Estebrügge

Kirchen im Alten Land

Hinweis

Sie benutzen Internet Explorer 6. Dieser Browser wird bald 10 Jahre alt und fällt deswegen durch Sicherheitslücken und Fehldarstellungen moderner Webseiten auf. Bitte aktualisieren Sie in Ihrem eigenen Interesse Ihren Browser.

Browserupdate herunterladen »

Druckversion

Bleifraß bedroht die bedeutende Orgel

Bleifraß

Björn Vasel BORSTEL. Erst zerbröselte das Mauerwerk, dann befielen der "Gescheckte Nagekäfer" und Pilze den Dachstuhl der 600 Jahre alten St.-Nikolai-Kirche in Borstel. Jetzt haben die Altländer eine neue Hiobsbotschaft erhalten: Bleifraß bedroht die 1000 Pfeifen der bedeutenden Orgel, die ältesten stammen aus dem 16. Jahrhundert. Orgelbauer Hillebrand entdeckte die neue Bedrohung bei der Reinigung des Instruments im April. Eigentlich sollte die Orgel nur vom Staub der Sanierungen 2007 und 2009 befreit werden. Damit sie wieder gespielt werden kann, muss die Kirchengemeinde 50 000 Euro auftreiben."Es war ein schlimme Nachricht", sagt Pastorin Anika Röling. Nach der Sanierung der Kirche sollte die Renovierung des Pfarrhauses die vorerst letzte Baustelle sein. 15 000 Euro hatten die Altländer (unter anderem durch das Café Orgel zur Blüte) und den Zuschuss der Landeskirche aufgebracht, um die Orgel zu reinigen. "Dass Hillebrand den Schaden jetzt entdeckt hat, war Glück im Unglück", sagt die Pastorin. Ansonsten hätte der Bleifraß sein Zerstörungswerk fortsetzen können. Sie hofft, dass ein Großteil der Pfeifen gerettet werden kann. Sie wurden bereits ausgebaut und liegen jetzt - vor weiterem Verfall geschützt - in der Werkstatt des Orgelbauers aus Hannover.

Bleifraß ist ein Korrosionsvorgang. Es bilden sich hellgraue und weiße Krusten von Bleikarbonat und Schwefelblei. Es entstehen Löcher in den Bleipfeifen, sie zerbröseln und knicken ab. Dadurch kann Luft entweichen, die Orgel klingt nicht mehr richtig. Noch im Mai 2010 war vom Bleifraß nichts zu hören, damals nahm Kreiskantor Böcker eine CD auf. "Es ist eine bedeutende Orgel", sagt Orgelexperte Böcker. Sie klinge "wie die Orgeln des frühen 17. Jahrhunderts", erklärt der Musiker.
Einige Teile stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert, das belegt eine Rechnung des Buxtehuder Orgelbauers Matthes Mahn aus dem Jahr 1584. Der weltweit bekannte Arp Schnitger reparierte sie 1677. "Das war der erste Auftrag für Schnitger im Alten Land", betont die Pastorin. Erst seit dem 18. Jahrhundert steht die Orgel auf der Westempore.
Die mit einer Zinnfolie überzogenen Prospektpfeifen (Frontseite) blieben vom Bleifraß verschont, die 853 Labial- und die 168 Lingualpfeifen aus nahezu reinem Blei mussten ausgebaut werden. Bleifraß ist eine Folge feucht-wärmeren Klimas und energetischer Sanierung. Die Temperaturschwankungen in der Kirche führen zu einem Feuchtigkeitsniederschlag. Dadurch bildet sich Bleikarbonat und das Zerstörungswerk nimmt seinen Lauf.
Ohne Zuschüsse und Spenden wird die St.-Nikolai-Gemeinde die Restaurierung nicht bezahlen können. Vorstand und Pastorin hoffen auf EU-Mittel ("Leader") und einen Scheck von Landkirche und Kirchenkreis. Vor der Bewilligung darf der Restaurator nicht loslegen. Er wird das giftige Bleiweiß ausbürsten und mit der Hilfe von Chemie den weiteren Zersetzungsprozess stoppen. Die befallenen Bleipfeifen werden dann ausgebessert, anschließend werden sie mit einer schützenden Wachsschicht überzogen.
Die Konzerte fallen aus. Vorerst erklingt, auch zur heutigen Konfirmation, eine mobile Hillebrand-Mini-Orgel. Röling: "Wir hoffen, dass unsere Orgel spätestens Weihnachten restauriert ist."

Altländer Tageblatt 30.4.2011