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Kirchen im Alten Land

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Johannes Conradus Rebius - Pastor in Borstel im 18. Jahrhundert

 
1775, etwa 100 Jahre nachdem Pastor Johann Conrad Rebens Amtszeit in der Borsteler Kirchengemeinde zu Ende geht, brennt das Borsteler Pfarrhaus ab. Mit dem Pfarrhaus verbrennen wertvolle Kirchenakten, die heute bei der Recherche fehlen. Und so kommt es, dass wir von unserem Pastor nur zwei, allerdings besondere Quellen haben: Zum Einen ist ein Gedicht überliefert, das der bedeutende Theologe und Dichter Johann Rist für Pastor Reben und seine Frau zur Hochzeit geschrieben hat. Und zum anderen liegt im Gemeindearchiv eine von Pastor Reben verfasste Liste über die von ihm während seiner Amtszeit gemachten Spenden vor. Aber das war’s dann auch schon fast. Wann er geboren wurde, wissen wir nicht, nur, dass er aus dem Nassauischen kommt. Wann genau Reben seinen Dienst in Borstel angetreten hat, ist auch nicht bekannt, etwa um 1647 wird es wohl gewesen sein. Was er vorher gemacht hat, wo er studiert hat und warum er nach Borstel gekommen ist, all diese Fragen finden keine Antwort. So gilt es, mit den wenigen Informationen, die zur Verfügung stehen, ein Bild von diesem Pastor zu zeichnen. Apropos Bild: von ihm selbst existiert keines, wohl aber von seinem Sohn, der ihm 1678 im Amt nachfolgte. Das Ölbild hängt übrigens in der Kirche, gleich links neben dem Eingang. 
 
Als Reben nun etwa 1647 nach Borstel kommt, herrscht noch immer der 30igjährige Krieg. Schon mehrfach sind Truppen durch das Alte Land gezogen. Dies bedeutete immer auch Plünderungen und Verwüstungen. Die Schweden besetzten das Land 1645 - und blieben bis 1712. In dieser Zeit, genauer gesagt am 12. Oktober 1647, heiraten Johann Conrad Reben, „Wohlverordneter Seelenhirte zum Borstel“ und Margareta Schwartz.  
 
Liest man das Hochzeitsgedicht, dass Johann Rist dem Brautpaar schreibt, ist von bedrückender Stimmung nichts zu spüren. Es hat Leichtigkeit und ist mit Humor geschrieben. Der Autor, Johann Rist galt neben Paul Gerhardt als der bedeutendste protestantische geistliche Dichter des 17. Jahrhunderts. Im vergangenen Jahr wurde seinem 400. Geburtstag gedacht. Er schrieb zahlreiche weltliche und geistliche Gedichte, Lieder von ihm finden sich noch heute im Gesangbuch. Daneben interessierte er sich aber auch für Naturwissenschaften und Musik. Rist war schon zu Lebzeiten anerkannt und berühmt. 1653 wurde er von Kaiser Ferdinand II zum kaiserlichen Pfalzgraf erhoben. Rist war von 1635 an 32 Jahre Pastor in Wedel.  
 
Wir fragen uns natürlich, woher der Kontakt zwischen Rist und Reben kam. Auch da, wen wundert’s, können wir eigentlich nur Vermutungen anstellen. Zunächst die Frage, ob sich eventuell beide durch das Studium kennen? Von Rist wissen wir, dass er in Rostock und Rinteln studiert hat. Von Reben wissen wir jedenfalls, dass er nicht in Rostock war, da er in den Einschreibungslisten nicht aufgeführt wird. Von der Universität in Rinteln gibt es diesbezüglich keine Quellen mehr. So können wir annehmen, dass sich beide erst später kennengelernt haben. Die Kirchengemeinde Wedel scheint zwar heute weit entfernt, war aber doch über die Elbe relativ gut zu erreichen. Zu bestimmten Jahreszeiten war der Weg über die Elbe wohl kaum anstrengender als mit Pferd und Wagen über Land. Und es hat nachweisbar Besuche von Rist im Alten Land gegeben. Und damit sind wir schon bei der dritten und auch relativ wahrscheinlichen Möglichkeit, wie sich die beiden kennen gelernt haben könnten. Der bekannte Dichter aus Wedel war nämlich zum Einen befreundet mit dem Jorker Pastor Franciscus Müller, dem er übrigens auch ein Hochzeitsgedicht geschrieben hat, und zum anderen mit dem Grefen und Besitzer des (heute so genannten) Wehrtschen Hofes. (Im Glockenschlag vom Februar 2007 wurde darüber geschrieben). Übrigens revanchierte sich unser Pastor Reben für das Hochzeitsgedicht bei dem Dichter mit einem kleinen lateinischen Beitrag für die 1656 von Rist veröffentlichten Katechismus-Andachten. 
 
Und dann weist die zweite Quelle den Pastor Reben als großzügigen Spender seiner Gemeinde aus. 1673 listet er seine von ihm und seiner Frau geleisteten Schenkungen auf. Er beginnt dabei wie folgt: „Alldieweil die Heilige Schrift befiehlet, das wir Gott den Hernn von unserm Gut ehren sollen, habe ich, Johannes Conradus Reben, Nassovis Esbaxiensis, p.t. Pastor der Christlichen Gemein zum Borstel Alten Landes, auch für meine Person sothanem Göttlichen Gebot auf nachfolgende Weise etlichermassen gehorsamlich nachkommen und zugleich dadurch nicht allein meine Höchstschuldige Dankbarkeit gegen Gott vor dessen mir erzeigt vielfältige sonderbare grosse Güte haben bezeugen, sondern auch in dieser lieblosen Wellt sowol meine lieben Kinder als auch meine anvertrauten Zuhörer (wenn sie nemlich Gott mit zeitlichen gütern segnet) zu dergleichen Gutthänigkeit gegen die Armen und Gotteshäuser sampt deren Bedienten exemplarisch aufmuntern wollen.“  
Von Anbeginn seiner Amtszeit hat Reben sich als sehr großzügig erwiesen. Er spendete Geld für das Kirchengebäude, für die Schule und das Pfarrhaus. Und er trägt zur Unterstützung der Organistenstelle bei, indem er 50 Mark als Kapital gibt, welches dann zu einem Zinssatz von 6% verliehen wird. Die jährliche Einnahme von 3 Mark kam dem Organisten zu. Gleiches tat er für die Armen, für sie spendete er 100 Mark. Wie die Zinseinnahmen für den Organisten sollte auch das Geld für die Armen zu Ostern verteilt werden. Gegen Ende seiner Amtszeit stellte Reben wieder Kapital in Höhe von 100 Mark zur Verfügung, dessen Zinsen seinem Nachfolger, zunächst dann ja seinem Sohn, ausgezahlt werden sollten. Solange er aber noch sein Amt versah, kamen die Zinseinnahmen der Kirche zugute.  
 
Den Schulmeister unterstützte er1660 durch die Anschaffung zweier Totenlaken. Diese konnten für 12 bzw. 6 Schilling für die Bestattungsfeiern ausgeliehen werden. Allerdings war diese Großzügigkeit an eine Bedingung geknüpft: Gefiel Pastor Reben der Schulmeister oder seine Arbeit nicht, hatte er das Recht, die Totenlaken wieder einzuziehen und ihm somit den Zusatzverdienst zu nehmen. Neben seinen Gaben führt Pastor Reben noch auf, dass seine Frau 1666 und 1667 einen Taufdeckel hat anfertigen lassen und die Taufe selbst hat bemalen lassen.  
 
Reben scheint also recht vermögend gewesen zu. Er spendete im Laufe seiner Amtszeit etwas über 400 Mark. Nun sagt uns die Zahl heute natürlich wenig. Zum Vergleich kostete zu der Zeit ein großes Schwein etwa 12 Mark. 400 Mark entsprach auch ungefähr dem Jahresgehalt eines Beamten in Stade. Wie gerne diese Spenden angenommen wurden, können wir uns v.a. vorstellen, wenn wir uns nochmals in Erinnerung rufen, dass weiterhin kein Friede in unserer Region herrschte. 1657 fallen die Dänen ein und im Münsterischen Krieg 1676-1680 kam es zu großen Plünderungen im Alten Land. Zudem gab es im Jahre 1678 die Maiflut, die mit Menschenopfern und hohen materiellen Verlusten einherging.  
 
Und privat? Etwa 1652 wird der Sohn Johann Conrad Reben geboren. Wir gehen davon aus, dass es der älteste Sohn des Pastors ist, da er seinen Namen trägt und ihm auch im Amt nachfolgt. Dieser Johann Conrad studiert zunächst in Jena und dann in Rostock. Offensichtlich sind es Enkel unseres Pastors, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Rostock, Wittenberge und Kiel studieren. Sollte das Ehepaar Reben auch Töchter gehabt haben, so können wir es heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Einschreibungslisten der Universitäten kommen als Quelle nicht in Frage, da neben ganz wenigen Ausnahmen erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts Frauen in Deutschland studieren durften. Und ohne Kirchenbücher, mit ihren Tauf-, Konfirmanden-, Hochzeits- und Beerdigungsverzeichnissen, fehlt uns die wichtigste Quelle der Familienforschung. Der Brand des Pfarrhauses am 12. Januar 1775 hat seine Spuren auf ewig hinterlassen.
 
Karen Jäger