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Kirchen im Alten Land

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Johann B. - unehelich, arm und verloren

Aus dem November 1839 befindet sich in den Akten des Borsteler Kirchenarchivs folgende Niederschrift vom königlichen Gräfengericht Altes Land: 

„Der im dortigen Kirchspiele wohnende Hausmann Jacob Sch., ..., hat sich gegen den Herrn Pastor Baring, nach einer von diesem uns heute gewordenen Mittheilung, bereit erklärt, den bekannten unehelichen Sohn der jetzigen Ehefrau des Schiffers Jacob O. zu Borstel, Johann B. für die nächsten 14 Tage zur Probe, zu sich zu nehmen, wenn ihm derselbe frei von Ungeziefer würde überliefert und ihm wöchentlich ein Kostgeld von 2 Mk für denselben würde zugesichert werden. Da wir ein anderweites Unterkommen für den genannten B. nicht haben ermitteln können und dessen Rücklieferung an O. und Ehefrau nach dem was vorgekommen nicht verantwortet werden kann, so sehen wir uns veranlaßt dem Bürgermeister zum Felde dadurch aufzugeben, sich noch heute zu dem vornerwähnten Sch. zu begeben und diesem anzuzeigen, daß der fragliche Johann B. ihm am nächsten Montage frei von Ungeziefer werde sistiern werden und daß das Kirchspiel Borstel dafür herkomme, daß ihm das verlangte Kostgeld gehörig ausbezahlt werde. In Ansehung des für den Johann B. zu erlegenden Kostgeldes haben wir weiter zu bemerken, daß die gnädigste Herrschaft, wenn die Mutter oder der zu ermittelnde Vater desselben, zu dessen Erlegung nicht vermögend befunden werden sollten, da er außer der Ehe erzeugt wurde, sich hoffentlich veranlaßt finden wird zuzutreten, auch soll sobald die erforderlichen Verhandlungen vorbereitet sind, dieserhalb der Königlichen Landdrostey zu Stade Bericht erstattet werden.“

Zu dieser Zeit war Johann B. elf Jahre alt! Als uneheliches Kind wurde er gleich nach der Geburt zu seiner Tante in Hamburg in Pflege gegeben. Seine Mutter mußte sich währenddessen Geld als Amme verdienen. Bei dieser Tante Margarethe blieb das Kind bis seine leibliche Mutter den Schiffer Jacob O. am 26.1.1832 heiratete. Vor der Eheschließung habe sie ihrem zukünftigen Mann von ihrem unehelichen Kind erzählt und ihn gebeten, „lieber von ihr zu lassen“. Der Schiffer O. habe sie jedoch weiterhin heiraten wollen und ihr auch väterliche Sorge für den Knaben zugesagt.  

Wie lange Johann bei seiner Mutter und seinem Stiefvater gelebt hat, wissen wir nicht. Als einige Jahre später die Tante ihn, wie es heißt „gewaltsam“, nach Hamburg holte, lebte er „in Kost“ bei einem anderen Schiffer im Ort. Von Verwandten wurde der Junge wieder von Hamburg nach Borstel gebracht und anschließend wieder von den Eltern „in Kost gegeben“. Als er einige Monate, während sein Stiefvater auf Reisen war, bei seiner Mutter lebte, sei er ihr mehrfach davon gelaufen. Selbst in der bittersten Kälte sei er, seine Schlafstelle in Scheunen suchend, nach Hamburg gelaufen. Dort hat Johann seit 1838 gelebt.  

Seine Tante ist es dann auch, die ihn im Herbst 1839 wieder nach Borstel bringt und die Kirchengemeinde bittet, sich des Jungen anzunehmen: Sie könne den Knaben nicht ernähren, bekomme auch von der Mutter und deren Mann nichts dafür. Der Knabe komme also auch in keine Schule, laufe den ganzen Tag auf der Straße umher, und lerne nichts als Böses. Gefragt, warum er denn seinen Eltern immer wegliefe, sagte Johann, daß er von ihnen geschlagen werde. Weiter heißt es in dem Bericht der Kirchengemeinde über Johann B., daß er zwar etwas lesen könne, es sei jedoch höchste Zeit, daß er ununterbrochen zur Schule gehalten wird, wenn er zur gesetzlichen Zeit konfirmiert werden und nicht ganz verwildern soll.  

So kam es, daß Johann B. bei dem Schiffer Jacob Sch., wie in dem zitierten Schreiben berichtet, „in Kost gegeben“ wurde. Auf die Bezahlung von 2 Mk die Woche müsse er, so der Schiffer Jacob Sch., bestehen. Im Winter sei dies gewiß nicht zu viel. Für den Sommer habe er nichts dagegen, wenn er bei anderen für ein Geringeres untergebracht werden könnte. Der Hausmann Peter G. zeigte ebenfalls Interesse; er gedenke, den Jungen im Sommer als Dienstjungen zu gebrauchen. 

Das ist alles, was über das uneheliche Kind Johann B. bekannt ist. Was aus dem Jungen geworden ist, wie lange er bei dem Hausmann Jacob Sch. geblieben ist und was dann geschah, wissen wir nicht. In den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde Borstel wird er nicht erwähnt. Das bedeutet, daß er hier zumindest nicht mehr konfirmiert wurde. Seine Mutter, so ist aus den Kirchenbüchern zu erfahren, brachte von 1832 bis 1848 noch sieben Kinder zur Welt, von denen vier schon im Kindesalter starben.

 Karen Jäger