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Kirchen im Alten Land

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Die große Sturmflut von 1825

Standard-Kommentar

 Viele Sturmfluten wüteten im Laufe der Geschichte im Alten Land. Die erste uns überlieferte ist die Julianenflut von 1164, die die gesamte Küste von Friesland bis Hadeln und die Marsch an Weser und Elbe erfaßte. Zahlreiche Deichbrüche folgten, einige sind heute noch bekannt. Hier wären die Cäcilienflut zu Beginn des 15. Jahrhunderts, die Katharinenflut 1685, die Weihnachtsflut 1717 und die Katharinenflut im Jahre 1736 zu nennen.

Die Fluten erhielten ihren Namen nach den Kalenderheiligen, an dessen Tag sie einfielen. Immer wieder mussten Menschenopfer beklagt werden. Viele Tiere kamen in den Fluten um, der materielle Schaden war häufig groß. Vor allem nach den großen Fluten im Mittelalter und der Frühen Neuzeit brauchte die Wirtschaft oft Jahre, um sich wieder zu erholen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Angst vor einem Deichbruch stark im Bewusstsein der Menschen verankert war.

Eine sehr große und außergewöhnliche Flut war auch die vom 3. auf den 4. Februar 1825. Im gesamten Alten Land waren an zahlreichen Stellen die Deiche gebrochen. 64 Menschen starben, davon allein 57 in der 3. Meile, die besonders stark von der Flut betroffen war. Auch das Kirchspiel Borstel hatte Opfer zu beklagen. Pastor Wolff, 1813 - 1830 , berichtete im Frühjahr 1825 an den Ingenieurmajor Müller in Hannover, daß in seinem Kirchspiel 5 Menschen bei der Sturmflutkatastrophe ums Leben gekommen seien.

Lebhaft schildert Pastor Wolff in einem Bericht die Geschehnisse: „Gerd Wesselhöft, wohnhaft etwas unterhalb des jenseits der Mühle stattgefundenen Deichbruchs, hatte zur  benannten Zeit ungeachtet der schaudervoll strömenden und zerstörenden Wogen und der seinem Leben fürchterlich drohenden Gefahr es mutvoll im Vertrauen auf Gott unternommen, in einem schmalen Kahn sich an das baufällige und den Einsturz drohende in der Nähe des Deichbruchs der heftig durchfallenden Strömung ausgesetzte Haus des Arbeitsmannes Peter von Helms zu wagen, und ist es ihm durch große Anstrengung gelungen, die ganze Familie des von Helms, aus fünf Personen bestehend, in sein kleines Schiff auf zu nehmen. Bald aber wird dasselbe von Wind und Wellen umgeworfen und alle der grössten Gefahr zu ertrinken preisgegeben. Die Ehefrau des von Helms und eine unverheiratete Tochter von 30 Jahren, von den Wellen weg-geschwemmt, ertrinken, von Helms selbst, dessen Tochter und Schwiegersohn Johann Eckhoff halten sich an Baumzweigen, bis Wesselhöft, durch kräftige Anstrengungen kaum dem Tode entronnen, sich aufs neue mit der Entschliessung, lieber sein Leben zu verlieren als die unglücklichen Menschen dem Tode zu überlassen, in die brausenden Wellen wagt und das Glück hat, genannte drei Personen, die erstarrt vor Kälte und Nässe dem Tod so nahe waren, beim Leben zu erhalten, so dass unbezweifelt dieselben ohne die Menschenfreundlichkeit und den Mut ihres Retters das Leben eingebüsst hätten.Das Edle dieser Tat verdient um so mehr Auszeichnung, da Wesselhöft über dieselbe sich sehr bescheiden aussprach: ‚Ich habe nichts mehr wie meine Schuldigkeit getan; Gott gab es mir ein und verlieh mir Besonnenheit, Mut und Kraft, die Unglücklichen retten zu können.‘ “

Neben Gesche und Anna von Helms ertrank auch eine 72jährige Witwe. „Sie hat, in dem ersten Schrecken aus ihrer zerbrechlichen Hütte hinweggeeilt, nach Jork flüchten wollen und ist unterwegs ertrunken.“ Der Schiffer Held und der Hausmann Quast sind mit ihren kleinen Schiffen auf der Rückreise von Kranz, „wo selbst sie menschenfreundliche Hülfe geleistet hatten“, ertrunken. Auch ist im Kirchspiel Borstel viel Vieh in den Fluten verendet: 12 Kühe, 11 Ochsen, 5 Rinder, 2 Kälber, 1 Fohlen, 15 Schweine und 94 Schafe ertranken. Daneben wurden etliche Wohnhäuser und Scheunen beschädigt oder zerstört. Eingelagerte Ernte, sowie Lebensmittel und Futter für die Tiere wurden unbrauchbar.

Nach Ablaufen der Flut mußten zunächst die Deiche gesichert werden. Phasenweise arbeiteten in der 2. Meile täglich 518 Einwohner am Deich. Diese Größenordnung konnte jedoch nicht aufrecht erhalten werden. Nach Einschätzung des Gräfengerichts könnte kaum ein Viertel dieser Arbeitskräfte weiterhin gestellt werden, da neben den Deich arbeitenja auch die Wohnungen, Höfe, Gräben, Wege und Felder wieder instand gesetzt werden mußten. Ohne auswärtige Hilfe ging es somit nicht, es wurden u.a. Soldaten, Gefangene und sogar Landstreicher zu den Deicharbeiten herangezogen.

Schnell wurde private Hilfe ins Leben gerufen, sogenannte Hilfsvereine wurden gegründet. Zahlreiche Hilfsappelle wurden in den gedruckten Medien verbreitet. Überliefert ist die Spende eines Hilfsvereins aus Bremen an die Kirchengemeinde in Borstel über 100 Reichstaler. Daneben gab es aber auch negative Erfahrungen wie z.B. Probleme mit Plünderungen. Heute ist der Deich wieder stärker in unser Bewusstsein gerückt. Bedingt durch die Ausgleichsmaßnahmen für die Werkserweiterung von EADS wurde die Deichlinie auf Hahnhöfersand verändert und die Frage der Deichsicherheit neu gestellt und diskutiert. Aber neben seiner elementaren Schutzfunktion prägt der Deich auch auf andere Weise unseren Lebensraum: Er zieht an sonnigen Tagen zahlreiche Ausflügler zum Spazieren gehen an und dient als Aussichtsplattform. Es wird auf dem Deich gejoggt und gewalkt oder aber der Hund ausgeführt. Und unterhalb des Deiches laden die befestigten Wege zu wunderbaren Fahrradtouren oder zum Inline-Skaten ein. Und mit Glück können die Kinder, vielleicht mal wieder in diesem Winter, Schlitten fahren.

Karen Jäger