A A A
Startseite Hollern-Twielenfleth Lühekirchen Jork Borstel Estebrügge

Kirchen im Alten Land

Hinweis

Sie benutzen Internet Explorer 6. Dieser Browser wird bald 10 Jahre alt und fällt deswegen durch Sicherheitslücken und Fehldarstellungen moderner Webseiten auf. Bitte aktualisieren Sie in Ihrem eigenen Interesse Ihren Browser.

Browserupdate herunterladen »

Druckversion

Das Leben nach dem Ende des 2. Weltkriegs

Es fällt heute schwer, sich das Leben kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges vorzustellen. Der Krieg war verloren. Oder fühlten sich die Deutschen befreit? Man musste sich mit der politischen Vergangenheit auseinandersetzen. Im Vordergrund aber werden sicherlich zunächst ganz andere Probleme gestanden haben. Der Alltag musste bewältigt werden. Das Nötigste für das Leben war nicht selbstverständlich. Lebensmittel, Kleidung, Brennstoff, Baumaterialien - vieles war Mangelware. Ausgebombten aus Hamburg und Flüchtlingen mussten Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden. Viele litten unter den Nachwirkungen von Kriegsverwundungen. Am schwersten aber wird der Verlust von Familienangehörigen oder Freunden gewesen sein. Auch noch nach dem Krieg herrschte vielfach Ungewissheit über den Verbleib von Verwandten.
 
Dies bezeugen auch die Vermisstenanzeigen, die in den Akten des Kirchenarchivs liegen. In diesen Formularen mussten die Angehörigen von vermissten Soldaten zunächst Auskunft über den Namen, Dienstgrad und Wohnort geben. Weiter wurde nach der letzten Feldpostnummer und der letzten Nachricht, wann und von wo sie kam, gefragt. Auch nach 60 Jahren lesen sich diese Vermisstenanzeigen sehr bedrückend. Ebenso finden wir die so genannte „Heimkehrer-Erklärung“, in der der heimgekehrte Soldat den Tod eines anderen Soldaten bezeugt. Oder die Aufforderung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche an den Pastor, den Eltern eines als vermisst gemeldeten Soldaten den bestätigten Tod ihres Sohnes mitzuteilen.
Nach den Angaben von H. P. Siemens aus seiner „Geschichte der Gemeinde Borstel“  von 1952 sowie handschriftlichen Vermerken, die sich in den Archivakten befinden, sind etwa 61 aus Borstel stammende Soldaten ums Leben bekommen.
Es dauerte dann lange, bis alle Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt sind. Auch der Borsteler Pastor Enno Reinicke, der schon seit September 1939 am Krieg teilgenommen hatte, war nach 1945 in russische Gefangenschaft geraten und nahm erst im Sommer 1948 wieder an einer Kirchenvorstandssitzung teil.
 
Enno Reinicke wurde 1896 als Sohn eines Pastors in Bülitz, Kreis Lüchow geboren. Bevor er 1928 nach Borstel kam und Pastor Meyer im Amt folgte, war er 3 Jahre Hilfspastor in Buxtehude. Pastor Reinicke war auch schon als Soldat im 1. Weltkrieg.
 
Die zweite überlieferte Quelle aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft betrifft Pastor Reinicke. Für die Jahre 1933/34 ist ein umfangreicher Schriftwechsel bezüglich der Deutschen Christen erhalten geblieben. Daraus geht hervor, dass Enno Reinicke, der auch Parteimitglied war, der Bewegung der Deutschen Christen angehörte und innerhalb dieser Bewegung als Kreisobmann fungierte.
 
Über die Grundsätze der Deutschen Christen gibt ein Flugblatt von 1932, das im Kirchenarchiv erhalten ist, Auskunft. Die 29 im „Deutschen Evangelischen Kirchenbund“ zusammengefassten Kirchen sollten in einer evangelischen Reichskirche vereint werden. Man kämpfe für einen „artgemäßen“ Christusglauben und gegen den religions- und volksfeindlichen Marxismus. An anderer Stelle heißt es, man kämpfe mit Luther und Hitler, unter Christuskreuz und Hakenkreuz, für Glaube und Volkstum.
Viele evangelische Pastoren hatten zunächst die nationalsozialistische Machtübernahme begrüßt. Der Kaiser und die Landesherren als oberste Kirchenführer waren durch die Weimarer Republik abgesetzt worden. Durch kirchenpolitische Gesetze der Weimarer Republik wie z.B. die Trennung von Staat und Kirche oder auch die Befürchtung über die Abschaffung des Religionsunterrichts an den Schulen fühlten sich viele Kirchenangehörige bedroht. Im aufkommenden Nationalsozialismus sahen viele daher eine Perspektive.
 
Die Deutschen Christen hatten zunächst großen Zulauf. Bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 erreichten sie im Kirchenkreis Stade eine 2/3 Mehrheit. Hierbei darf auch nicht vergessen werden, dass diese Bewegung vom Staat bzw. der NSDAP sehr unterstützt wurde. 12 von 33 Pastoren im Kirchenkreis gehörten zu dem Zeitpunkt den Deutschen Christen an. Aber schon bald kam es bedingt durch eine zunehmende Radikalisierung zu einer deutlichen Abkehr von dieser Bewegung und stattdessen zu einer Stärkung der Bekenntnisbewegung. 1935 gehörten zwei Drittel der Pastoren der Bekenntnisbewegung an. Die Deutschen Christen spielten inzwischen keine Rolle mehr. Im Borsteler Kirchenarchiv ist nach 1934 kein Schriftverkehr mehr überliefert.
 
Nach dem Krieg wurden die Pastoren im Kirchenkreis aufgefordert, einen „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ zu beantworten. Für die Borsteler Kirchengemeinde übernahm dies  Pastor Hagen aus Steinkirchen, der die Vertretung von Pastor Reinicke übernommen hatte. Die Dokumentation ist leider nicht sehr umfangreich. Gefragt nach der Haltung der NSDAP-Ortstellen zur Kirche, schreibt er, dass es keine kirchenfeindliche Haltung gab und dass auch keine Veranstaltungen der Deutschen Christen in der Kirchengemeinde stattfanden. Bekenntnisgottesdienste haben ebenfalls nicht stattgefunden. Weiter wird nach der Zahl der Kommunikanten (die sich stark verringert hat), nach der Zahl der Kirchenaustritte (6), und nach der Zahl der Konfirmierten (die konstant blieb) gefragt. Der Besuch der Kinderlehre sei durch die HJ sehr behindert worden. Die evangelischen Jugendverbände wurden zwangsweise in die HJ eingegliedert und die kirchliche Jugendarbeit wurde zum einen auf die reine Bibelarbeit beschränkt, zum anderen hatten die Jugendlichen ohnehin durch die Inanspruchnahme der staatlichen Jugenddienste kaum noch Zeit. Wenig erfolgreich war das Vorhaben, kirchliche Amtshandlungen wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung durch die Wiederbelebung heidnisch-germanischer Rituale zu ersetzen. In Stade wurde lediglich eine so genannte „braune Hochzeit“ vollzogen.
 
Die Kirchengemeinde Borstel musste viele Jahre auf ihren hauptamtlichen Pastor verzichten. Vertreten wurde Pastor Reinicke, so von Pastor Hagen im Fragebogen ausgeführt, während seines Kriegseinsatzes zunächst durch den Superintendenten Focken aus Jork. Pastor Hagen aus Steinkirchen kümmerte sich dann 1944/45 um die Gemeinde. Vom August 1945 bis zum April 1946 wurde der so genannte „Ostpastor“ Ahne in der Kirchengemeinde angestellt. Danach oblag die Verantwortung für Borstel offensichtlich wieder bei Pastor Hagen. Nachdem Enno Reinicke aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, war er bis 1964 als Pastor in Borstel tätig.
 
(Lit.: Hartmut Lohmann, Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Stade 1991)
 
Karen Jäger