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Kirchen im Alten Land

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Armenfürsorge in der Borsteler Kirchengemeinde

Von Alters her gehörte die Sorge um die Notleidenden und Hilfsbedürfigen zu den Aufgaben der Kirchen. In den Dörfern und Städten waren v.a. die Kirchen für die Armenfürsorge zuständig. Daneben gab es private Spenden und seit dem 17. Jahrhundert etablierte sich die Armenfürsorge der politischen Gemeinde.
 
In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts berichtet der Borsteler Pastor Koeneke, daß man zur Unterstützung Bedürftiger über Einnahmen aus dem Klingelbeutel und über ein Armenkapital von 590 Mark lübisch verfüge. Woher das Geld stammt, wer es gespendet hat, ist nicht bekannt. Aus den Zinsen dieses Kapitals wurde zunächst der Küster und der Schulmeister bezahlt, von dem Rest wurden dann der Schulbesuch der armen Kinder bestritten und „was übrig ist wird unter Hausarme und andere Bittsteller verteilt.“
 
1783 heißt es, daß die Gemeinde z.Zt. keine Probleme mit den Armen hat, weil „es auch den Dürftigsten leicht wird, ihr tägliches Brod theils zu Landes, theils aber auch auf der Elbe zu suchen, hat man eben nicht Ursache, für die Armen so sehr als wie in anderen Gemeinden zu sorgen.“ Es sei somit möglich, einen Überschuß für künftige Arme anzusparen, „die sich leider nach Missjahren ungewöhnlich vermehren“. So heißt es dann weiter auf die Frage ob viele Arme in der Gemeinde seien: „Jetzt leider viel mehrere als wie sonsten, und ihre Anzahl ist grösser, als dass man sie aus den jährlichen Armen-Mitteln versorgen kann.“
 
Der Hinweis auf wirtschaftliche Missjahre weist schon auf eine Hauptursache der Armut hin. Fiel die Ernte schlecht aus und stiegen somit die Preise für die Nahrungsmittel, traf dies viele Menschen. Konnten sie in normalen Zeiten gerade die Grundbedürfnisse befriedigen, so reichte das Einkommen in Notzeiten nicht aus. Hinzu kam dann noch, daß gleichzeitig die Einnahmen der Armenkasse zurückging. Eine existentielle Bedrohung waren aber auch Krankheiten: Krankheit konnte Lohnausfall und eventuell Arztkosten bedeuten. Das Alter war, wenn nicht die Familie unterstützte, eine weitverbreitete Ursache für Verarmung. Schwer traf unverheirateten Frauen eine Schwangerschaft. Sie selbst mußten meist als Dienstmagd arbeiten, der Lohn wird häufig nicht für zwei gereicht haben.
 
Im Archiv befinden sich einige Schriftstücke, die ein wenig Einblick in das Leben der Unterstützungsempfänger geben. Da ist die Magd Metta Lohmann, die an der venerischen Krankheit (Geschlechtskrankheit) leidet und ihre Arztkosten nicht bezahlen kann. Einige Jahre später übernimmt die Borsteler Kirchengemeinde das Kostgeld für das ältere uneheliche Kind. Aus dem Jahr 1856 ist das Schreiben des Vaters der Metta Pape: Sein Kind leide an „krampfartigen Zufällen“ (Epilepsie) und muß daher ständig beaufsichtigt werden. Die Mutter muß, um das Kind ernähren und die Arztkosten bezahlen zu können, ebenfalls arbeiten, so daß das Kind nicht betreut werden könne. Der Vater bittet die Kirche um eine Unterstützung. Die Nachbarn bestätigen das Schreiben.
 
Ein Stück weit kann das Leben der Gesche Engel verfolgt werden. 1847 befindet sie sich im Stader Krankenhaus. In einem Brief des behandelnden Arzt steht, daß sie nicht auf Hilfe hoffen könne und somit aus dem Krankenhaus entlassen werde. Man beschließt, sie für etwa 3 Monate in Pflege zu geben. Es wird für sie eine „wollene Decke“ und ein Bett angeschafft. 10 Jahre später lebt sie offensichtlich in Hamburg. Die dortige Gemeindeverwaltung teilt mit, daß ihr Aufenthaltsschein abläuft und daß sie neue „Tüffeln“ braucht. Das Borsteler Armenkollegium kommt für sie auf.
 
Im Fall Barthold Dunkel wurde 1865 eine Unterstützung abgelehnt. Man empörte sich über sein ungebührliches Auftreten. Er sei „trunken“ in das Haus des Kirchspielvorstehers eingedrungen und habe die Familie desselben furchtbar bedroht,
falls der abwesende Familienvater nicht für seinen kranken Sohn Unterstützung gewährte. Anschließend schrieb er Drohbriefe. Nachbarn hätten auch schon von einer Unterstützung abgeraten, da er mit dem Geld nicht umgehen könne.   Man ginge davon aus, daß das die Unterstützung nicht bei dem kranken Sohn ankomme, weil der Vater nicht haushalten könne und diese nur „des Vaters gelüsten Vorschub leisten werde“.
 
1869 startete die Kirchengemeinde ein großes Projekt, indem sie das in Kohlenhusen gelegene Feindtsche Haus Nr.24 kaufte, um es als sogenanntes Armenwerkhaus einzurichten. Die Insassen sollten landwirtschaftliche Arbeiten verrichten. Wer sich weigerte, sollte keine anderweitige Unterstützung erhalten. Mehr als achtzig Jahre gab es das Armenhaus, das später Versorgungsheim hieß.
 
Während des hier betrachteten Zeitraums änderte sich einiges in der Organisation der Armenpflege. Der Einfluß der politischen Gemeinde wurde größer. Von 1827 an wurde die Armenverwaltung Teil der Polizeiverwaltung. Die Leitung lag nun nicht mehr beim Kirchenvorstand, sondern beim sogenannten Armenkollegium, dem außer dem Geistlichen und dem Ortshauptmann verschiedene deputierte aus den einzelnen Ortsteilen angehörten. Am Ende dieser Entwicklung stand eine rein staatliche Armenfürsorge. Von kirchlicher Seite wurde dies durchaus positiv aufgenommen, konnte man jetzt seine Armenmittel vollkommen selbständig ohne Absprache mit Vertretern der politischen Gemeinde einsetzen.
 
Karen Jäger