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Kirchen im Alten Land

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August Meyer - über dreißig Jahre Pastor in Borstel

Standard-Kommentar

Nach 32 Jahren Amtszeit als Pastor in Borstel ging August Meyer 1928 in den Ruhestand. Noch heute ist er den älteren Gemeindemitgliedern bekannt. Sein Portrait, das von Richard Eggers gemalt wurde, hängt im Borsteler Kirchenbüro. Und der Schutzpatron St. Romanus an der nördlichen Kirchenwand wurde nach seinem Bildnis gestaltet. 

Pastor Meyer war 38 Jahre alt, als er seine Stelle in Borstel antrat. Zuvor war er in Hannover und Harburg tätig gewesen. Verheiratet war er mit Charlotte Joseph. Das Ehepaar hatte vier Kinder.

Aus den vier Visitationsberichten, die Pastor Meyer während seiner Zeit in Borstel an den Superintendenten verfaßte, können wir einiges über seine Arbeit und das Leben in der Gemeinde erfahren. So beklagte er den deutlich spürbaren Rückgang der Zahl der Gottesdienstbesucher nach dem 1. Weltkrieg. Krieg und Revolution hätten eine regelrechte Kirchenflucht ausgelöst. Viele ehemalige Soldaten wären zwar noch zum feierlichen Begrüßungsgottesdienst erschienen, danach wären sie jedoch der Kirche fern geblieben. Die weibliche Jugend machte es ihnen nach. Ganz allgemein galt für seine Amtszeit, daß die Kirche im Winter besser besucht war, denn dann waren die Schiffer zu Hause. Und es war auch völlig normal, daß sich während der Kirschenzeit die Zahl der Kirchenbesucher verringerte. Zudem erschwerten, so Pastor Meyer, die weiten Wege, die viele zurücklegen müßten, den Kirchenbesuch.

Er selbst bedauerte diese „langen Wege“ ebenfalls. Vor allem zum Ende seiner Amtszeit klagte er, daß es ihm Schwierigkeiten bereite, die Gemeindemitglieder selbst aufzusuchen, zumal er aufgrund seines Alters nicht mehr Fahrrad fuhr. Noch heute ist bekannt, daß anstatt des Pastors auch schon mal „Frau Pastor“ zu Besuch kam.

Gerne hätte er die Gemeindestruktur verändert gesehen: Gehrden sollte zu Jork gegeben werden, Hinterbrack zu Cranz-Estebrügge und Höhen zu Steinkirchen. Die Menschen hätten dann ihrerseits auch einen kürzeren Kirchweg, Unter den gegebenen Umständen würden sie sich nämlich aufgrund der Entfernung an einen sparsamen Kirchenbesuch gewöhnen.

Bei den Kirchenvorstehern traf seine Idee auf Widerspruch, da man bei einer Abtrennung zu viele „kräftige Kirchensteuerzahler“ verlieren würde. Das „Kirchensteuer-Erhebungssystem“ war von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Eine zentrale Kirchensteuererhebung gab es noch nicht. Pastor Meyer wünschte sich, daß doch zumindest die Altländer Gemeinden ein gemeinsames kirchliches Finanzamt bekommen sollten. Nur so könnte man der Rivalität zwischen den Gemeinden entgegen treten, dies sei in der „heutigen“ bedrängen Zeit besonders nötig. Damit meinte er nicht nur die wirtschaftlich schwere Nachkriegszeit sondern u.a. wohl auch, daß der Kaiser, der ja gleichzeitig Oberhaupt der Kirche war, abdanken mußte.

Aber nicht nur mit der Kirchensteuer wurde, wie wir hier sehen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts anders verfahren, auch mußte man für die Amtshandlungen wie z.B. Taufe, Einsegnungen der Wöchnerinnen, Konfirmation, Proklamationen, Trauung, Beerdigung, Krankenkommunion, Beichtgeld, Auszüge aus den Kirchenbüchern, Fürbitten und Danksagungen Gebühren, die sogenannten Accidentien, bezahlen. Diese Gebühren machten 1869 etwa 45% der gesamten persönlichen Einnahmen des Pastors aus.

Bei den Beerdigungen führte dies zu drei verschiedenen Formen. Es gab die feierliche Form, zu der der Hausbesuch und eine Rede am Grab, sowie Gesang und Geläut gehörte. Bei der zweiten Form sprach der Pastor nur am Grab, dazu gab es Gesang und Geläut. Die einfachste Beerdigungsweise war die sogenannte „stille Beerdigung“, sie beschränkte sich auf liturgisches Handeln am Grab ohne Geläut und Gesang.

Zu der Gebühr, die für die Krankenkommunion erhoben wurde, bemerkte Pastor Meyer, daß diese nicht abgeschafft werden sollte. Es bestände dann nämlich die Gefahr, daß bei jeder geringfügigen Erkrankung der Pastor gerufen würde. Armen Gemeindemitgliedern würde diese Gebühr selbstverständlich erlassen.

Im allgemeinen bot die Borsteler Kirchengemeinde für Pastor Meyer keinen Grund zur Klage. Allerdings bemängelte er die immer stärker vernachlässigte „Sonntagsheiligung“. Ein großes Hindernis des gottesdienstlichen Lebens liege „in dem Montags-Hauptmarkt in Hamburg, der fast alle Bauersfrauen zwingt, am Sonntag sich mit der Zurüstung der Obstkörbe zum Markt zu beschäftigen, was den Sinn für die wahre Heilighaltung der ‚Sonntagsruhe‘ allmählich untergräbt, und wodurch es zu der höchst üblichen Unsitte gekommen ist, dass der Altländer, der von der ‚Sonntagsheiligung‘ keine richtige Vorstellung hat, sich über ‚Sonntagsarbeit‘ wenig oder gar keine Gewissensbisse mehr macht; ...“ Hieran sei auch zu erkennen, das Gewinnsucht den Charakter gründlich verderbe.

Die Sonntagsheiligung werde auch bei Hochzeiten, bei denen seiner Meinung nach zuviel Luxus in Schmucksachen, Kleidern und Schuhwerk getrieben werde, nicht eingehalten. Auf den „Saalhochzeiten“ ginge es im großen und ganzen manierlich zu, aber es werde mit zuviel Ausdauer bis in die Morgenstunde getanzt. Deshalb sollten „Sonnabendhochzeiten“ vermieden werden.

In die Amtszeit von Pastor Meyer fiel auch die Erweiterung des Friedhofs. 1909 schrieb er an den Superintendenten, dass der Friedhof bedeutend vergrößert wurde; so daß er für wohl für hundert Jahre ausreichen werde. 

In Borstel war Pastor Meyer gleichzeitig Ortsschulinspektor. Dieses Amt legte er jedoch wegen eines Konfliktes mit dem Landrat über Schulbauangelegenheiten nieder.

Großes Interesse hatte er an offensichtlich an seinen theologischen Studien, denen er sich, wenn es seine Arbeit erlaubte, widmete.

Nach seiner Pensionierung zog Pastor Meyer nach Hamburg, wo er zwei Jahre später starb.

Karen Jäger